Martin betritt das Klassenzimmer mit angespanntem Gesicht. Die Nacht war unruhig, der Sohn hatte einen Alptraum, seine Frau ist auf Geschäftsreise und seine Schwiegermutter musste einspringen. Schon beim Hereinkommen wirkt er fahrig und ist kurz angebunden. Der Beamer fährt nicht richtig hoch, er kann nicht wie geplant mit dem Unterricht beginnen. Die Klasse reagiert sofort: Tuscheln, Widerworte, kleine Provokationen. Der Unterricht startet im Modus «Konflikt».
Sabine erlebt denselben Morgen. Sie sorgt sich um ihre Mutter, die in ein Altersheim umziehen muss und es kündigt sich eine Erkältung an. Doch bevor sie den Raum betritt, hält sie kurz inne. Sie möchte die Klasse nicht mit ihrer eigenen Unruhe zu belasten. Auch bei ihr streikt der Beamer. Mit einem Schmunzeln kommentiert sie: «Heute müssen wir ein bisschen improvisieren– der Beamer ist noch im Wochenend-Modus.» Die Schülerinnen und Schüler lachen, die Atmosphäre entspannt sich, und der Unterricht beginnt in angenehmer Atmosphäre statt mit Widerstand.
Meine Sicht als Schulberaterin
Der Unterschied liegt nicht in den äusseren Umständen, sondern wie eine Person damit umgeht. Sabine gelingt es, die eigene Anspannung nicht weiterzugeben – sie kann sich selbst regulieren und ihren privaten Stress von der Unterrichtssituation trennen: Ihre Schüler:innen habe eigenen Sorgen und können nichts für die Sorgen von Sabine – und doch spüren sie jede Nuance. Lehrpersonen, die ihre Emotionen bewusst steuern, fördern eine angenehme Lernatmosphäre und stabile Beziehungen – und steigern zugleich ihre eigene Arbeitszufriedenheit, ein zentraler Faktor für Lehrpersonengesundheit.
Fazit
Lehrpersonen bringen immer auch ihr eigenes Leben mit in die Klasse. Wenn nicht der Stress, sondern die Gelassenheit ansteckend ist, entsteht eine Atmosphäre von Vertrauen und Leichtigkeit – die beste Basis für erfolgreiches Lernen.

